Von Amble nach Whitehills

Ein weinendes Auge… und ein lachendes

Da Amble einer der Häfen ist, aus dem man nicht einfach nach Belieben rausfahren kann, war meine Abfahrtzeit auf 12:00 Uhr terminiert. 3 Stunden vor Hochwasser steht im Hafen und in der Hafeneinfahrt genug Wasser.

Bis dahin war auch noch einiges zu erledigen. Einkäufe und Diesel an der Straßentankstelle besorgen. Und ganz besonders wichtig: frisches Dorschfilet kaufen, da meine Angelversuche (bisher) erfolgslos geblieben sind, musste somit bei den Profis eingekauft werden. Also Klappfahrrad bereit gemacht und ab auf Einkaufstour.

Und da ich ja sowieso einmal unterwegs war, bin ich noch ein Stück den River Coquet aufwärtsgeradelt. Dort liegt nach ein paar Meilen das Castle Warkworth auf einer Anhöhe über dem Fluss. Drumherum ein Dorf mit Häuser, die wohl von den früheren Untertanen bewohnt wurden und vermutlich heute ein kleines Vermögen wert sind. Ich mag mir gar nicht vorstellen wie schön das alles ist, wenn die Sonne scheint 😊.

Bildinfo: Man beachte das Bild mit dem Torbogen, als ich es aufgenommen habe, war vor dem Torbogen noch ein Auto. Und vor dem Fischgeschäft standen Leute. Dank Bildbearbeitung nun weg, sonst alles Original! Die Bilder werden aber mit einem Wasserzeichen gekennzeichnet!

Dann ging es um kurz nach zwölf wieder auf die Nordsee raus. Ziel noch unbestimmt. Entweder nach ca. 20 Seemeilen Ankern bei der Holy Island oder weiter nach Eyemoth, dem ersten Hafen in Schottland. Bei der Planung zu Hause war für mich klar, in der engen Bucht der heiligen Insel möchte ich ankern. Sehr geschützt, aber schwierige Gezeitenverhältnisse und eine nicht einfache Ansteuerung. Je näher ich kam, desto mehr frischte der Wind auf, in Böen bis ans Ende der 5 BFT. Auch der Hafenmeister in Amble riet mir, nur bei guten Bedingungen dort einzufahren, insbesondere als Revierunkundigem. Es musste also eine Entscheidung her. Rein oder weiter. Nach Abwägen aller Umstände habe ich mich dann mit einem weinenden Auge für „weiter“ entschieden. Das andere Auge konnte jedoch lachen, lag mein erstes Ziel in Schottland nur in meiner Peilung. Aber während ich das schreibe, hadere ich immer noch mit meiner Entscheidung, nicht dort einen Ankerstopp eingelegt zu haben. Ein Grund mehr, irgendwann nochmal die englische Küste zu be(segel)reisen…. Nach weiteren 20 Seemeilen kamen dann – kurz nach dem Grenzübertritt nach Schottland auf der Höhe des Ortes Marshall Meadows – die dem Hafen Eyemouth vorgelagerten Felsen in Sicht. Und unterwegs immer wieder Fischerbojen, die ständige Wachsamkeit erforderten. Um 19 Uhr hatte ich dann die mit mächtigen Molen gesäumte Hafeneinfahrt von Eyemouth erreicht und legte mich ins Päckchen an einen britischen Segler. Der will morgen um 7 los… Das ist Segeln im Gezeitenrevier. Auch wenn man selbst mal einen Tag „aktive Wander-Pause“ machen will, der Nachbar will bestimmt früh raus 😉.

Tausche Gummistiefel gegen Wanderschuhe

Und so kam es dann auch. Wecker auf 7:30 gestellt, um 8 Uhr vom Nachbarboot abgelegt, damit er los kann, wieder angelegt und erstmal gut gefrühstückt. Und da ich heute einen Hafentag machen wollte (aber nur, weil der Wind aus der falschen Richtung wehte 😉) habe ich kurzerhand die Gummistiefel weggepackt und dafür meine Wanderschuhe rausgekramt. Ein paar Stullen als Wegzehrung geschmiert und zusammen mit Wasser und einer Dose Bier (0,0!) in meinen Rucksack gepackt. An Eyemouth vorbei führt natürlich auch der schon mal angesprochene Costal Path. Ich weiß gar nicht, ob er nur die Ostküste umfasst oder ganz um UK herumführt. Auf jeden Fall gibt es hier ein schönes Teilstück in Richtung St. Abbs zum St. Abbs Head ins Naturschutzgebiet samt Leuchtturm. In das Dorf St. Abbs und von dort eine Runde um St. Abbs Head sind es ca. 12 km. Also gut zu schaffen. Von St. Abbs dann mit dem Bus zurück. Und was soll ich sagen. Sonne, ein wenig Wind und Landschaften, wie man sie sich eben in Schottland vorstellt. Steilküste mit vielerlei Gefieder, saftige Wiesen und schroffe Felsen. Und für eine Küstenwanderung auch ordentliche Höhenmeter, denn es geht ständig auf und ab. Sicher ist die Landschaft nicht so unwirtlich wie es wohl auf den Orkneys und Shetlands sein wird, dafür sind hier einfach noch viel zu viele Bäume und viel zu wenig Schafe 😉.

Aber was soll ich noch weiter schreiben? Schaut selber:

Zurück in Eyemouth konnte ich dann auch die Gelegenheit nutzen, mein bereits beim ersten Angelversuch verlorengegangenes Equipment in einer Chandlery (so heißen hier die Schiffsausrüster) wieder zu komplettieren. Gut so, wie sich später noch zeigen wird…

Jetzt aber weiter nach Norden

Der eine oder die andere fragt sich vielleicht, warum ich so „Gas gebe“ auf meinem Weg nach Norden und viele potentielle Ziele und Möglichkeiten zu Landausflügen auslasse. Auch Edinburgh habe ich quasi links (also an Backbord) liegen lassen. Es ist so: Mein Hauptziel für den ersten Reiseabschnitt sind die Orkneys und Shetland. Da möchte ich doch angemessen Zeit haben. Ein Ziel, was eben etwas aufwändiger zu erreichen ist und sich andere Ziele daher diesem unterordnen müssen. Zum zweiten möchte ich für die anstehende Überfahrt von den Shetlands nach Bergen einen Zeitpuffer haben, damit ich nicht in die Bredouille kommen, bei nicht so guten Bedingungen auf die 200-Seemeilen-Etappe gehen zu müssen. Denn gerne würde ich am 4.7. Annette abends vom Flughafen in Bergen abholen. Und im mache eben auch eine Segelreise, da will ich auch viel Segeln :-).

Also die nächste längere Etappe nach Peterhead steht an. 100 SM. Wenn es gut läuft 20 Stunden. Also ein gaaaanz langer Tag. Abfahrt 04:00, ETA 24:00 Uhr. Das hat den Vorteil, dass ich nicht aus dem Schlafrhythmus Tag/ Nacht komme. Vor Abfahrt hat man eine – ok, kurze – Nacht und geht am Zielort spät ist Bett und kann ausschlafen. Windvorhersage: Zu beginn bis ca. 10 oder 11 Uhr eher schwachwindig (dann wahrscheinlich Motor), später auffrischend aus SW. Also perfekt für den Weg nach Norden. Bei der Ausfahrt aus dem Hafen erspähte ich dann auch noch einen schlafenden Seeehund im Hafen, den ich Tags zuvor schon mal im Hafenbecken erspäht hatte.

Zwei Stunden nach der Abfahrt, die ich unter Motor zurückgelegt habe spüre ich einen leichten Hauch. Also die Segel hoch und mal schauen was geht. Nicht viel, zufrüh gefreut. So ging die Motorfahrt noch zwei Stündchen weiter. Zweiter Versuch. Immerhin 2 bis 3 Knoten bei noch leicht mitlaufender Strömung. OK, ich versuche mal die Langsamkeit auszuhalten, auch wenn damit eventuell mein Plan (ihr wisst schon, Schlafrhythmus und so) über Bord geht. Also die Langsamkeit nutzen: Angel raus und mal schauen was geht. Ein Segelfreund meinte, bis 2 Knoten Fahrt kann man angeln. (Manfred, die Regel kannte ich noch gar nicht, danke!). Und keine 10 Minuten nachdem ich die Angel mit dem neu erworbenem Equipment „aufgeriggt“ hatte, stellte sich auch schon der Erfolg ein. Nicht eine Makrele, nicht 2, sondern gleich 3 Makrelen bissen an dem mit 5 Haken ausgestattetem Paternoster an. Eine viel beim „Boarding“ ab, einer habe ich die Freiheit geschenkt (hatte nur ganz leicht angebissen) und die dritte hatte leider Pech. Sie landete nach dem Filetieren direkt in der Pfanne und wurde mit einem Rührei als 2. Frühstück verspeist. Da war mal keine Kühlkette einzuhalten, frischer geht es nicht. Allerdings weis ich nicht, aus welch‘ einem Stall die Eier waren, die ich dazu gegessen habe 😉

Nach dieser willkommenen Schwachwind-Beschäftigung briste der Wind dann allmählich auf und ich hoffte, die Schwachwindphase mit einer nun höheren Geschwindigkeit aufzuholen. Die Hälfte der Strecke hatte ich in ca. 11 Stunden geschafft. Plan könnte also aufgehen.

Diese Zeilen schreibe ich gemütlich im Cockpit sitzend, ab und zu mal ein Rundumblick, aber hier ist nichts los, noch nicht mal nennenswert viele Fischer unterwegs. Und beste Bedingungen, leichte Brise, kaum Welle und ein wenig Gedudel von Simply Red im Hintergrund. Und das alles bei sommerlichen Temperaturen mit kurzer Hose und T-Shirt. Endgeil !

Irgendwann brach dann auch wieder die Dämmerung ein. Am Ende war es dann noch eine heftige Schaukelei. Da der Wind merklich nachließ, die Welle aber dann natürlich nicht auch sofort weg war, sondern als „Schwell“ noch weiterlebte, schlugen die Segel heftig hin und her, da der Wind das Boot nicht mehr stabil auf einer Seite hielt und die Wellen leichtes Spiel hatten. Da hilft dann nur der Motor mit den dann nur noch Stütz-Segeln, um ein wenig Stabilität zu bekommen. Die letzten 2 Stunden ging das so und ich war dann froh, als gegen 24:00 Uhr die Hafeneinfahrt von Peterhead in Sicht kam und ich gegen 0:45 fest im Hafen lag.

Hafentag Peterhead

Im wahrsten Sinne des Wortes. Bis aufs Abendessen bin ich aus dem Yachthafen von Peterhead nicht herausgekommen. Und das war so.

Schon die Tage zuvor machte meine Windanzeige Zicken, viel aus, zeige unsinnige Werte. Nicht das wichtigste Instrument an Bord, aber wenn es schon mal da ist, soll es doch auch funktionieren. Alles deutete auf einen Wackelkontakt oder Feuchtigkeit an den Kontaktstellen der Kabel hin. Zwei dieser Stellen konnte ich einfach prüfen, sind die doch zum einen am Mastfuß, dort wo das Kabel getrennt werden muss, wenn der Mast gelegt wird und eine an der Verbindung zum Gerät selbst. Diese beiden waren nach Sichtprüfung scheinbar ok. Die dritte Stelle barg dann doch eine gewisse Herausforderung mit sich. Am Masttopp befindet sie die sog. Masteinheit. Ist halt so ein „Schaufelrad“, das den Wind misst und über die Kabel nach unten zum Instrument meldet. Nur wie da nun hochkommen? Ich wollte mich da nicht hochziehen lassen, immerhin 16 Meter über der Wasserlinie… Also Gang zum Hafenmeister, ob es irgendwelche Servicebetriebe gibt, die mir da helfen könnte. Gab es nicht. Aber es gab das Angebot vom Hafenmeister im Hafen bei anderen Schiffen nachzuhören, ob mir jemand helfen könnte. Und tatsächlich. Nach einiger Zeit klopfte es an meinem Schiff und der Hafenmeister machte mich mit Stephen bekannt, der ebenfalls ein Problem in seinem Mast hatte und auch Hilfe benötigte. Also verabredeten wir uns zum gemeinsamen Handeln, zunächst an meinen Boot, dann an seinem (ein Trimaran, Masthöhe „nur“ ca. 10 Meter). Er geht hoch, ich kurbele. Als Stephen dann mit seinem Mitsegler David (der Mann ist 79 und segelt noch auf dem Tri mit!) auftauchte gesellte sich auch noch Adrian vom Boot nebenan dazu und alles wurde vorbereitet, um in den Mast aufzuentern. Als es dann losgehen sollte, meinte David, dass es doch besser sei, wenn ich selbst mal in meinen Mast aufentere. Muss man doch mal gemacht haben. Was sollte ich nun machen… Also habe ich mich in den Bootsmannstuhl (doppelt gesichert) gesetzt und mich samt Werkzeug in die Mastspitze ziehen lassen. Und was soll ich sagen, war gar nicht so schlimm. Masteinheit abgebaut, gereinigt, mit WD40 eingesprüht und wieder montiert. Leider habe ich mein Handy in der Aufregung vergessen einzustecken. Solch ein Foto von oben nach unten bekommt man nicht alle Tage. Nach getaner Arbeit, auch am Boot von Stephen, gab es dann Bier und Kaffee bei mir an Bord. Für den Abend verabredeten wir uns dann zu Fish and Chips, Aperitif (Gin Tonic) bei Stephen und nach dem Essen Digestif bei Adrian (Scottish Malt Whiskey). Es war ein netter Tag und Abend. Auch ohne groß vor die Hafentür gekommen zu sein. Peterhead hatte ich ja auch schon bei meinem Schottlandtörn 2023 kennengelernt.

Und wie klein die Welt doch ist… Wie das so ist, fragt man natürlich nach dem heimatlichen Segelrevier etc. Adrians Homebase ist Felixtowe, ein Ort auf der gegenüberliegenden Seite von Harwich am River Orwell in Ostengland. Sein Liegeplatz sei in Felixtowe Ferry am River Deben. Da wurde ich doch hellhörig. 1. Da war ich schon mal 2017 mit meiner LüMMEL und 2. Ist Adrians Segelverein der englische Partnerclub vom Yacht-Club Wesel, in dem ich Neumitglied bin. Zufälle gib es…

Adrian und Rainer

Top Segeltag

Mit dem nach Norden ablaufenden Wasser sollte meine Reise eigentlich am nächsten Tag weiter nach Wick gehen als Absprungort zu den Orkneys. Also einmal quer über den Moray Firth. Allerdings war mir für diesen 70-Meilen-Ritt der Wind und auch die vorausgesagte Welle zu viel (wir hatten stetigen Südostwind, der dann im Norden eine schöne Welle aufbaut). Also nutze ich einen Alternativplan, der nur eine kurze Passage nach Norden bis Rattray Head benötigte und dann Richtung Westen abbog, um im Landschutz nach Whitehills zu laufen. Und es wurde wieder ein herrlicher Segeltag. Klar, wie vermutet am Anfang recht „rough“, aber als ich dann um die Ecke war und nach Süden Landschutz hatte, war die Welle weg, aber der weiterhin mit unverminderter Stärke wehende Wind blies mich mit bis zu 8 Knoten in der Spitze auf platter See Richtung Westen. Eigentlich schade, dass ich nach 35 Seemeilen schon um 14 Uhr am Ziel war. Ein kleiner Ort mit ein paar Fischerbooten, einem Besucherponton und vielen Cottages. Und einem gut sortierten Fischhandel, bei dem ich mich für das Abendessen mit Jakobsmuscheln (Spotpreise hier) und Dorschfilet versorgte. Doch vorher ging es noch auf eine sportliche Laufrunde.

Aus mehreren Gründen war das ein besonderer Törn: ich war richtig schnell unterwegs, ich bin viel in Landnähe gesegelt und konnte mal ein bisschen mit dem Fernglas schauen, was an den Steilklippen so los ist und: ich habe tatsächlich andere Segler gesehen…

Morgen ist der Wind dann moderat für den Schlag nach Wick.

3 Gedanken zu “Von Amble nach Whitehills

  1. Avatar von heroic365acb8763 heroic365acb8763

    Wow! So ein toller Reisebericht! Als wäre man dabei gewesen. Viel Freude weiterhin und immer etwas an der Angel! Ganz liebe Grüße,Angelika 🙋‍♀️☘️

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