Auf Mainland
2 Tage wollte ich mir für die Erkundung von Mainland nehmen. Und nein, ich hatte dabei nicht vor, mir jeden antiken Stein, jede Kapelle und jedes Castle und jede Gasse in jedem Ort anzuschauen. Einen Eindruck wollte ich gewinnen. Und wie geht das besser als mal wieder mit dem Fahrrad.
Für den ersten Tag hatte ich den südwestlichen Teil im Auge. Zuvor eine kleine Runde in Stromness gedreht und dann ging es auf die geplante ca. 35 km-Runde. Leider gibt es kein gut ausgebautes Radwegenetz auf Mailand, sodass man die Straßen nutzen muss, auf denen auch Autos, Trecker, LKWs und Busse fahren. Teilweise schon abenteuerlich. Aber immer, wenn ich einen Schleichweg ausmachen konnte, habe ich diesen natürlich genutzt. Als erstes Ziel standen die Klippen von Yesnaby auf dem Zettel. Bergauf und bergab ging es durch weitestgehend kultiviertes Land hier auf Mainland. Rinder, Schafe und auch Getreideflächen haben hier vor Bäumen und Sträuchern eindeutig die Überhand. Überall verstreut Gehöfte und kleine Dörfer. Und ein riesiger Binnensee, der Loch of Stenness. Das hier auch so große Seen sind, war mir gar nicht bewusst. Angekommen an meinem Ziel waren der Anblick wirklich toll. Wild zerklüftete Felsen, die bei mehr Wind von See sicher noch ein rauschenderes Wellenfest feiern als bei meinem heutigen Besuch.
Weiter ging die Reise zu einer prähistorischen Stätte, nach Skara Brae. Ruinen aus 8 Häusern aus der Zeit um 3.000 v.Chr. sind hier zu bestaunen. Ich habe nur über den Besucherandrang gestaunt und mich dann fürs Weiterradeln entschieden. Es muss wohl ein Kreuzfahrtschiff in Kirkwall sein… Außerdem fand ich 16 Pfund schon einen üppigen Preis. Soll aber auch eine Top-Ausstellung sein. Nun denn. Ein paar „alte Steine“ fand ich dann nur ein paar Kilometer weiter in Brodgar. Hier ist der Ring von Brodgar. Der drittgrößte Steinkreis in Großbritannien und sogar größer als der in Stonehenge in Südengland. Von den ehemals 60 Steinen stehen noch 27. In dem 113 Meter in Durchmesser großen Kreis fanden von rund 5.000 Jahren bei mystischen Feiern bis zu 3.000 Menschen Platz. Was dabei gefeiert wurde ist bis heute weitgehend unbekannt.
Die letzten Kilometer zurück nach Stromness gingen dann direkt über die Hauptverkehrsverbindung zwischen Kirkwall und Stromness mit entsprechend viel Verkehr auf einer 2-spurigen Straße ohne Seitensteifen. Ich denke, die Etappe war für mich gefährlicher als die gesamte Segelreise bis hierher…
Ziemlich kaputt war ich dann am Abend. Es waren nicht nur 38,6 km am Ende, sondern auch ein paar hundert Höhenmeter. Und das mit einem 3-Gang-Faltrad, bei dem ich alle paar Kilometer den Sattel wieder höher stellen musste, weil er sich immer wieder von alleine runterdrückte 😊. Zur Belohnung gab es dann am Abend frisches Orkney-Lammsteak vom Butcher um die Ecke.











Für morgen habe ich mir ein Fährticket gebucht, um auf der Nachbarinsel Hoy eine Wanderung zu machen. Ich möchte dort gerne den Old Man of Hoy sehen. Eine 140 Meter hohe Felssäule, die – ähnlich wie die lange Anna auf Helgoland – kurz davor ist umzukippen.
Am nächsten Morgen nach dem Aufstehen wie immer: Wettercheck. Wind bis zu 5 Bft. und auch mal 6. Wanderung auf Hoy… über baum- und strauchloses Land… Wind von vorne… wolkenverhangen… nein, das tue ich mir nicht an. Ticket storniert und Plan B ausgeguckt. Ziel: mit dem Bus bis zur Italien Chapel und den Churchill-Barriers. Von dort per Rad, mit dem Wind weitestgehend im Rücken, über die St. Nicholas Church nach Deerness zu The Gloup und von dort mit dem Bus zurück nach Stromness. Wenn noch Zeit ist, vielleicht noch ein Zwischenstopp in Kirkwall. Da musste ich sowieso umsteigen.
Also auf zu Bushaltestelle und auf in den Südosten der Insel zur Italien Chapel. Die hängt eng zusammen mit den Churchill-Barriers. Und das kam so: Irgendwann vor und während des 2 Weltkriegs war die riesige Bucht südlich von Mailand (Scapa Flow) der Hauptankerplatz der britischen Marineschiffe. Aber durch die Meerengen zwischen den nach Osten gelegen Inseln konnte sich ein deutsches U-Boot pirschen und im Scapa Flow (in Prinzip ein Naturhafen) das britische Schlachtschiff Royal Oak versenken. Daraufhin beschloss Churchill die Durchgänge zwischen den Inseln nach Osten mit Steinen und Betonquadern zu verschließen. Und nun kommen die Italiener ins Spiel. Mit von der Partie waren italienische Kriegsgefangene, die bei Bau helfen mussten und in Ihrem Lager aus zwei Baracken eine Kapelle einrichteten. Diese wurde, auch mithilfe der Briten, zu einem Schmuckstück, dass mit einfachsten Mitteln und Kreativität der Gefangenen (darunter Künstler, Handwerker etc.) errichtet wurde. Alle Erbauer der Kirche kamen in den Jahren nach dem Krieg auch noch einmal zurück zu den Orkneys, um gemeinsam mit den Orkney-Bewohnern die originalgetreue Restaurierung der Kirche zu feiern. In der St. Nicholas-Church zu der ich als nächstes radelte, findet sich eine Fotoausstellung zur Errichtung der Barriers und auch der Italien Chapel.
Den nächsten Programmpunkt hätte ich mir schenken sollen. Das Verhältnis zwischen Aufwand und Sightseeing-Freude war einfach nicht ausgewogen. Zumal ich zurück von The Gloupe auf der Halbinsel Deerness (im Prinzip ein schmaler Krater, der aus einer eingestürzten Meereshöhle entstanden ist) auch heftig gegen den Wind anradeln musste, um zur Bushaltestelle zu kommen. Bergab hatte ich teilweise das Gefühl stehen zu bleiben, wenn ich nicht weiter in die Pedale getreten hätte. Da kam mir die ehemalige Tankstelle mit Minimarket sehr gelegen um mich mit einem Kaffee zu stärken und auf den Bus zu warten. Als der kam gab es dann erstmal eine Schrecksekunde. Der Fahrer meinte, dass er Folding-Bikes nun mitnehmen darf, wenn diese in einer Tasche sind. Im ersten Moment dachte ich, dass er mich nun stehen lässt, aber er hatte ein Einsehen und nahm mich doch mit. Der nächste und für den Tag letzte Bus wäre auch schon in 2 Stunden gekommen…
In Kirkwall reichte meine Umsteigezeit noch für eine ganz kleine Fahrt zum Hafen, um das dort liegende Kreuzfahrtschiff zu knipsen. Zu mehr hätte ich auch keine Lust mehr gehabt. Dusche, Essen im Pub und Bett. Mehr nicht für heute…











Zu den Nordinseln
Zwei weitere Ziele wollte ich auf den Orkneys noch ansteuern. Zum einen wollte ich mal ankern bevor ich dann auf die Insel Westray in die Marina nach Pierowall gehe. Dazu hatte ich mir eine Bucht bei der Insel Eday ausgeguckt. Fersness Bay. Eine sehr große Bucht, die bei den angesagten Winden gut geschützt und durch das Gewimmel der Gezeiten auch gut von Stromness aus zu erreichen ist. Nicht zu komplizierte Strömungsverhältnisse, die ich auch gut ohne Beratung von einem Local-Yachtsmen hinbekommen kann. Die war in Stromness nicht zu bekommen, die Hafenmeister nur Aushilfen zum Kassieren, aber keine wirklich Revierkundigen. Also ging ich mit dem letzten ablaufenden Wasser zwischen den Inseln Mainland und Hoy hinaus auf den Atlantik. Richtig. Nix Nordsee. Die westliche Seite der Orkneys ist dann schon streng genommen der Nord-Atlantik. Trotz moderatem Wind stand bei der Strömung in der Enge zwischen den Inseln eine prima Welle. Ich möchte mir das nicht bei viel Wind vorstellen. Aber nach einer halben Stunde war das Geschaukel vorbei, ich konnte Segel setzen und bei einer leichten Briese gen Norden segeln. Und zu meiner Überraschung sah ich in Richtung Süden dann auch noch den Old Man of Hoy, den ich mir eigentlich aus der Nähe anschauen wollte. Nun sah ich ihn wenigsten in weiter südlicher Ferne und habe ihn mit dem Tele meines Fotoapparates verewigt.
Pünktlich zum Kippen der Tide konnte ich dann Brough Head, die Nordwestspitze von Mainland runden und mein Ziel – die Bucht Fersness – anpeilen. Der Wind ließ zwar stark nach, aber den Motor brauchte ich bis kurz vor Erreichen der Bucht nicht, da mich der noch schwache, achterliche Wind gemeinsam mit der Strömung immerhin mit bis zu 5 Knoten zu meinem Ziel schob. Zu meiner Freude war die Visitor-Mooring in der Bucht noch frei, so dass ich keinen Anker ausbringen musste. Das hat den Vorteil, dass man bei Kentern der Tide (da dreht sich das Boot einmal um 180°) nicht um den Halt des Ankers fürchten muss und so eine vermutlich ruhigere Nacht hat. 7,5 Stunden brauchte ich für die ca. 35 Seemeilen lange und gemütliche Reise.
Nun lag ich hier vor einem weißen Strand und war natürlich neugierig einmal einen Landgang zu unternehmen. Also musste das Dinghi aufgepumpt werden, der Motor aus der Backskiste gekramt und alles zu Wasser gelassen werden. Auf dem Weg zum Strand bin ich zu meiner Freude auf einen Fischer getroffen, der gerade seine Lobster-Pods eingeholt hatte. Ich habe ihm ein wenig zugeschaut. Plötzlich ruft er rüber und fragt, ob ich ein paar Taschenkrebse haben möchte. Ja gerne, aber wie bereitet man die zu? Seine Erklärung in feinstem schottischem Englisch habe ich dann nicht komplett verstanden, nur sowas wie „20 minutes boiled water…“, aber für den Rest gibt es ja Chefkoch und Youtube (man glaubt es nicht. 4G ist hier fast überall verfügbar, mindestens aber LTE). Obendrein gabs es noch einen Pollack (sowas wie ein Dorsch), der an Bord sogleich für morgen filetiert und auf Eis gelegt wurde.
Nach einem kleinen Besuch am menschenleeren weißen Sandstrand ging es zurück und sofort in die Kombüse zur anstehenden Premiere: Kochen eines Taschenkrebses und die Entnahme seines Fleisches. Ich habe mich dann für ein Rezept nach eigener Kreation entschieden: Vollkornnudeln (gekocht in echtem schottischem Nordseewasser) mit Tomaten-Krebsfleisch-Ragout. Lecker war es!













Landgang und Aufbruch nach Pierowall (Westray)
Nach einer ruhigen Nacht an der Visitor-Mooring wollte ich noch einen kleinen Rundgang über die Insel machen. Also wieder mit dem Dingi den doch recht weit vom Boot entfernten Strand angefahren. 10 Minuten Fahrzeit bestimmt. Da wir Ebbe hatten, habe ich das Dinghi dieses Mal weit auf den Strand hinaufgezogen. Nicht, dass das steigende Wasser das Dinghi wegschwemmt.
Über ein paar Zäune, vorbei an interessanten Schwimmfahrzeugen ging es zur Straße. Keine 10 Minuten war ich unterwegs, hielt auch schon ein vorbeifahrendes Auto an. „Do you like to walk or do you want a lift?“ war die Frage. Nehme ich doch gerne an das Angebot. Sogar eine kleine Umweg hat der für mich gemacht, um mich in die Nähe des Fähranlegers zu bringen. Kurzer Plausch zur Insel. Ca. 130 Einwohner. Die meisten älteren Semesters. Kommen zurück auf die Insel, um den Ruhestand hier zu verbringen. Wenige junge Leute. Und die, die da sind, haben keine rechte Lust sich in das Gemeinschaftsleben einzubringen, Feuerwehr etc. Naja, warum soll es in ländlichen Regionen in Schottland anders sein als bei uns auf dem Lande. Auf jeden Fall eine nette Begegnung mit einem Farmer und Jäger von Eday, Sein Gewehr lag neben ihm auf dem Sitz…
Der Fähranleger war nicht viel mehr als ein Fähranleger und ein paar Parkplätze und sogar eine E-Lade-Station. Kein Geschäft, kein Café, nichts, nada. Also wieder zurück der Straße entlang, vorbei an netten Cottages, der Schule, der Kirche und vielen Feldern und Schafen.
Und bald war es dann vorbei mit der Sonne. Plötzlich zog Nebel auf und ich befürchtete schon, dass ich Canata in der Bucht nicht wiederfinden würde. Aber als ich dort ankam, war der Neben soweit wieder verzogen, dass ich hinsichtlich der Sicht kein Problem hatte. Vielmehr hat mir der Gegenwind auf meiner Fahrt zu schaffen gemacht. Also nicht direkt der Wind, sondern die damit einhergehende Welle, die das kleine Schlauchboot nicht so recht abwehren kann. Patschnass und kalt bin ich nach der 10minütigen Fahrt aber sicher am Ankerplatz angekommen. Nach einer wärmenden Mahlzeit (Rest vom Krebs-Tomaten-Nudelgericht) und einer heißen Tasse Kaffee bin ich dann Richtung Pierowall auf der Insel Westray in See gestochen. Eine kurze Sache. Knappe 15 Seemeilen auf der Kreuz in rund 3 Stunden.
Ein kleiner Arbeitshafen mit ein paar Yachtliegeplätzen. Von hier aus werden vorwiegend die vor der Insel Westray liegenden Fischfarmen versorgt und bewirtschaftet.

















Einen Tag werde ich auf jeden Fall hier verweilen und mich mit meinem Klapprad wieder auf Tour begeben. Hier soll es auch Papageientaucher geben. Schaun mer mal!
Danke Rainer, wie immer ein toller Bericht. Das oben scheint die Welt fast zu Ende. Die Augen können sich erholen… Nur Weite, blau und grün… Echt toll!
Lg iIngrid
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Danke!
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Mensch Rainer, da werden Erinnerungen hochgespült. In Pierowall, falls Du noch da bist, gibt es an der langen Straße, die um die Bucht herumführt, das Pierowall Hotel. Dort kann an gut essen und im vorderen Bereich in uralten Sesseln auch nur ein Pint genießen. Auch die Wheeling Steen Gallery wäre einen Besuch wert.
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Ja, noch bin ich da. Morgen werde ich aber nach Fair Isle aufbrechen. Hatte mich heute für eine Wanderung vorbei an Noltland Castle zum Noup Head entschieden. Beeindruckende Klippen. Hatte mir Deinen Block auch nochmal angeschaut. Da sind auch tolle Bilder!
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