Von Strusshamn über Bergen Richtung Hardanger

Sturznachwirkungen und endlich nicht mehr allein

Gut, dass ich mich nach meinem Ausrutscher dazu entscheiden hatte, zwecks Rekonvaleszenz in Strusshamn zu bleiben. Allerding wurde zunächst nichts aus der Genesung.

Am späten Nachmittag des Tags nach dem Sturz bekam ich nämlich Fieber. Also statt Genesung stand zunächst mal eine Verschlechterung an. Da wird sich wohl etwas entzündet haben, dachte ich mir. Also Anruf bei der Legevakt (norwegisch für Notdienst) des medizinischen Zentrums. Ich solle sofort kommen und schon ein paar Minuten später saß ich im Taxi zum Hausärztezentrum. Dort angekommen wurde sich auch sofort meiner angenommen. Die Temperatur war IBU-bedingt nicht mehr so hoch aber der Entzündungswert im Körper schon. Also erneute Wundreinigung und es wurden auch die Fäden wieder gezogen, die tags zuvor genäht wurden, um der Wunde mehr „Atemmöglichkeit“ und damit bessere Heilungschancen zu eröffnen. Ich hatte in meinem Leben ohnehin nicht mehr vor Knie-Model zu werden, war nun doch eine auffälligere Narbe am Knie zu erwarten. Und ich bekam eine erste Dosis Penicillin sowie ein Rezept für eine 7-Tage-Pencillin-Kur, welches ich dann am nächsten Tag in der Apotheke einlösen sollte. Zu einer erneuten Kontrolle nach zwei Tagen sollte ich dann nochmal wiederkommen.

Also weiter Strusshamn. Ich wäre aber auch gar nicht in der Lage gewesen, allein mit dem Boot den Hafen zu verlassen. Das Knie zu beugen tat schon ziemlich weh und das Klettern vom Steg aufs Boot immer ein schmerzhafter Balanceakt, trotz IBU600. Und ich fühlte mich auch krank. Also tat ich in den nächsten Tagen nicht viel, außer mal wieder anzufangen ein Buch zu lesen (Allein auf See, Der Reisebericht der ersten Einhand-Weltumseglung von Joshua Slocum), Mittagschläfchen machen und natürlich mal was kochen. Zur Apotheke und zum Einkaufen ins rund 1 km entfernte „Dorfzentrum“ musste ich allerdings schon laufen. Aber ich hatte ja Zeit und konnte es langsam humpelnd angehen lassen.

Am Freitagmorgen, am Abend wollte ich Annette vom Flughafen abholen, hatte ich dann den erneuten Kontrolltermin und hoffte doch sehr, dass die Ärztin soweit zufrieden war, dass ich ohne Gefahr einer weiteren Verschlechterung weiterziehen konnte. Aber nix da. Der Entzündungswerte im Körper hatte sich nochmals verschlechtert, trotz Penicillin, so dass mir doch dringend geraten wurde, am Montag nochmal vorstellig zu werden. Wenn ich es aber mit der Beweglichkeit des Knies hinbekäme, wäre der kurze Törn von Strusshamn nach Bergen kein Problem. Mit meinem Dauerpegel an Schmerzmitteln und natürlich mit der zwischenzeitlich erworbenen Erfahrung, wie man sich mit der Bewegungseinschränkung am besten an Bord bewegen kann, machte ich mich am Nachmittag (nach 6(!) Tagen Strusshamn) auf die ca. ein-stündige Reise von der Insel Askøy nach Bergen in den Schatten der berühmten Hansehäuser. Alles funktionierte gut. Ablegen mit der Hilfe von nordirischen Stegnachbarn und beim Anlegen in Bergen an ein deutsches Charterboot mit polnischer Crew wurde mir auch geholfen. Und für eine Stunde konnte ich mal den ganzen Frust über die Situation vergessen und mir wieder etwas Wind um die Nase wehen lassen. Wenn auch nur unter Motor. Es ging unter der 62 Meter (Durchfahrthöhe) hohen Askøybrua hindurch und bald dahinter konnte ich schon Bergen und ein Schiff der Hurtigruten sehen, deren Postschiffreisen hier starten und enden. Und schon bald schlüpfte ich durch einige Arbeitsschiffe hindurch in den Hafen und nahm die Unesco-Weltkulturerbe-Hansehäuschen in meine Peilung, vor denen ich mir einen Liegeplatz für die nächsten Tage suchen wollte. Der war dann auch schnell an der besagte Charteryacht „Anneliese“ gefunden. Nachdem Canata dann fest war, mit Landstrom versorgt und ich mit einer heißen Hühnersuppe (die soll gesund machen!! [auch wenn die aus der Dose war 😊]), musste ich mich dann vor Ort orientieren und informieren, wie ich denn am besten zum Flughafen komme, um Annette, die um 23:15 landen sollte, abzuholen. Da gab es mehrere Optionen mit Bus, Taxi und einer Straßenbahn, der Bybanen, für die ich mich dann entschied und die ca. 45-minütige Fahrt antrat. Der Flieger landete pünktlich und ich freute mich sehr, Annette in Bergen in den Arm nehmen zu können 😊. Zurück gönnten wir uns dann ein Taxi, um nicht erst am frühen Morgen auf dem Boot zu sein, auf den nächsten Bus hätten wir noch eine Stunde warten müssen.

Ein wenig Sightseeing Bergen

Ich war froh, dass ich jeden Tag ein wenig besser zu Fuß war. Auch wenn wir nicht von früh morgens bis spät abends alle großen und kleinen Sehenswürdigkeiten von Bergen in Augenschein nehmen konnten (hätten wir wohl auch unter anderen Umständen nicht), so hatten wir doch zwei schöne Tage in Bergen, wenn auch der erste ziemlich verregnet war. Aber wir konnten am Abend zur Entschädigung in einem schönen und alteingesessenen Restaurant (Bryggeloftet) ein herrliches Abendessen mit gutem Service genießen. Dazu hatten uns unsere Kinder mit einem Gutschein zu unserem 35sten Hochzeitstag eingeladen 😊.

Wir lagen mit Canata direkt an der „Brygge“. Übersetzt „Pier“. Das ist die Pier, an der die berühmte Häuserzeile der alten Hansehäuser liegen. Bergen war bis zum Ende des 18Jh ein wesentlicher Handelsplatz der Hanse, einer von Hamburg ausgehenden damals schon europaweiten Handelsgemeinschaft. Daher hieß die heutige „Brygge“ in früheren Zeiten auch „Tyskbrygge“, also „deutscher Pier“. Aber das „Tysk“ wurde dann irgendwann mal von den stolzen und selbstbewussten Norwegern gestrichen. Für die Dauer unseres Aufenthaltes waren wir also irgendwie ein Teil der Sehenswürdigkeit und wurden daher auch von vorbeiflanierenden, insbesondere deutschen Passanten angesprochen, die gerade auf einer Cruising-Tour mit AIDA und Co. unterwegs waren und in Bergen einen Stopp machten. Viel idyllischer waren unserer Meinung nach aber die hinter den Hansehäusern liegenden Gässchen, die in ihrer gewissen Unordentlichkeit und wild wuchernderen Blumen (oder auch Unkraut) sehr gemütlich und einladend wirkten, trotz Dauerregen.

Auch am 2 Tag sind wir noch einmal durch die Gassen und über die Plätze gezogen und nach einer Mittagspause auf dem Boot haben wir uns dann über die Dächer von Bergen begeben. Hinauf auf den Fløyen, einen der sieben Hausberge von Bergen. Gerne wären wir hoch gelaufen, aber aus bekannten Gründen hatten wir uns für die Fløibane, einer Standseilbahn, entschieden, die die Lauffaulen und -behinderten die ca. 390 Höhenmeter in ca. 4 Minuten überwinden lässt. Von oben hat man einen wunderschönen Ausblick auf Bergen und auf die umliegende Fjordwelt. Früher galten diesem Berg eher die Blicke von unten. Denn auf dem Berg Fløyen stand ein großer Windflügel (steht da wohl heute immer noch, haben ihn aber nicht gesehen), der den von Bergen abfahrenden Seeleuten die Windrichtung anzeigte, die man im gut geschützten Hafen von Bergen nicht gut ausmachen konnte. Und wie man auf den Bildern sieht, waren am Himmel auch mal ein paar blaue Flecken und gelegentlich die Sonne zu sehen. Gerne wären wir von dort auch noch einen Berg weitergezogen auf den Ulriken. Auch das musste in diesem Jahr leider ausfallen, die 15 km wären dann doch zu viel gewesen.

Auf in die Fjorde

Bevor wir allerdings in Bergen ablegen konnten, stand noch ein Besuch im medizinischen Zentrum an. Mit der Schnellfähre um 9:20 und 2 Haltestellen mit dem Bus, waren wir pünktlich zu meinem Termin um 9:50 vor Ort. Wieder kaum Wartezeiten, begutachtete die Ärztin ganz zufrieden die Wunde. Die Schwellung war zurückgegangen (trotz des Laufens durch Bergen) und auch der Entzündungswert im Blut war deutlich zurückgegangen. Das Penicillin zeigte also seine Wirkung, wenn auch etwas verzögert. Unserem Aufbruch in die Fjordwelt südlich von Bergen stand also nichts mehr im Wege, auch wenn ich mich natürlich immer noch nicht normal bewegen konnte. Neben der Entzündung war da natürlich noch eine ordentliche Prellung im Knie. Aber ein Liegeplatz-Nachbar sagte, „Beim Segeln muss man ja auch nicht so viel laufen!“. Also auf ging es.

Wir wollten in den Hardangerfjord. Eigentlich ist der Hardangerfjord ein ganzes Fjordsystem, bzw. auch eine Region, wo z.B. auch der Nationalpark Hardangervidda zu zählt. Die einzelnen zu diesem System gehörenden Fjorde haben dann auch noch eigene Namen. An einem Tag wollten wir die lange Strecke dorthin nicht auf uns nehmen, daher hatte ich einen Zwischenstopp auf der Insel Gudøy am Bjørnafjord ausgeguckt. Dort sollte es ein paar gute Anlegemöglichkeiten geben. Keine Marina, sondern eventuell vor Buganker mit dem Heck an einem Felsen oder an einem Anleger, die man dort finden konnte. Nach einer gemütlichen Segelpassage und ein wenig Felsen-Slalom bei der Anfahrt in den Gudøy-Sund, war es dann der morsche Anleger eines im Verfall begriffenen Hotels geworden. Herrlich romantisch und die totale Ruhe, abgesehen von ab und zu vorbeifahrenden Booten. Dort verbrachten wir eine sehr ruhige und erholsame Nacht und konnten am Morgen tatsächlich unseren ersten Kaffee draußen trinken.

4 Gedanken zu “Von Strusshamn über Bergen Richtung Hardanger

  1. Hallo Rainer
    ein großes Kompliment zu deiner herausfordernden Reise und den tollen Berichten dazu.
    Weil ich auch immer unterwegs bin, hab ich mir jetzt vor einem anstehenden WoWa Tripp mal die Zeit genommen und alle Berichte in einem Stück gelesen. Ich bin beeindruckt und konnte vieles nachempfinden. !
    Wünsche dir noch schöne Tage mit deiner Frau und sicherlich vom Hardanger aus eine stressfrei Rückfahrt.
    Travelling- Rainer

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    1. Danke schön! Ja, die größten segleruschen Herausforderungen liegen hinter mir. Aber das Skagerak kann auch ungemütlich sein. Wir werden sehen! Viel Spaß bei Deiner WoWa- Tour!

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  2. Avatar von Manfred Manfred

    Hallo Rainer
    Mach dir keine Sorgen, du kannst immer noch Knie-Double beim nächsten Crocodile Dundee Film werden … ;))
    Sehr schöner Törn und tolle Leistung deinerseits.
    Viel Glück weiterhin
    Gruß, Manfred

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