Von den Felsen in den Sandkasten

Nach dem Abschied von Konstantin bekam ich einen neuen Mitsegler. Simon, der Mann meiner Nichte Sarah aus München wollte mich von Göteborg bis nach Aalborg in den Limfjord begleiten und seine Segelerfahrung ein wenig erweitern. Geplant war die Durchquerung des Kattegats nicht auf direktem Weg, sondern nach einem Stopp noch in Schweden und dann über die Inseln Læsø und Anholt und einem oder zwei weiteren Stopps in Dänemark hinein in den Limfjord. Also von der felsigen Küste Schwedens in den Sandkasten Dänemarks. Da wurde aber so leider nichts draus. Für die Woche kündigte sich ein Sturmtief an, dass uns für 2 Tage, Dienstag und Mittwoch, an einen Hafen binden sollte. Also ging der Plan beide Kattegatinseln zu besuchen schnell über Bord. Mein neuer Plan war nun, am Sonntag und Montag schonmal auf die dänische Sandkasten-Seite des Kattegats zu kommen und dort die beiden stürmischen Westwindtage abzuwettern und mit Ausflügen zu verbringen.

Zuvor gab es jedoch noch eine ganz andere Hürde zu nehmen. Simon war zunächst ohne Gepäck in Göteborg angekommen. Das ist einfach mal in München geblieben und musste noch hinterhergeflogen und dann noch zum Hafen geliefert werden. Entgegen der ersten Ankündigung, dass der Rucksack noch am Samstagabend angeliefert werden sollte, was natürlich nicht passierte, machte sich Simon am Sonntagmorgen auf den Weg zum Flughafen, um das zwischenzeitlich dort angekommene Gepäck selbst abzuholen. Eine Auslieferung hätte bis mind. Sonntagabend gedauert und unsere Abfahrt weiter verzögert. So konnten wir dann mit Rucksack gegen 11:30 Uhr die Leinen in Göteborg loswerfen und uns auf den Weg nach Østererby auf Læsø – unserem Zwischenstopp auf dem Weg zum dänischen Festland – machen. Ein Top Hafen erwartete uns. Ich habe nun schon viele Häfen besucht, aber eine Ausstattung wie in Østerby noch nicht gesehen. Fast alle 5 Meter ein Wasserschlauch am Steg. Mehr als genug Landanschlüsse für Strom. Kostenlos auszuleihende Trittleitern für das Besteigen größerer Boote. Am Anfang eines jeden Stegs eine Freiluftdusche, um den Körper vom Sand des benachbarten Strandes zu befreien. Eine ganze Batterie an Waschmaschinen und Trocknern. Und alles das zu einem absolut vernünftigen Preis. Da könnten sich so einige Inselhäfen in NL eine oder zwei Scheiben abschneiden.

Allerdings blieb uns für eine Inselerkundung keine Zeit. Nur ein abendliches Bad im Meer und ein Hafen-Rundgang mit einem Eis beim kleinen Kaufmannsladen war drin. Am nächsten Morgen sollte bzw. musste es weiter nach Frederikshavn gehen, bevor am Abend der Starkwind einsetzen sollte. Die rund 20 Meilen nach Frederikshavn waren dann schnell abgesegelt und wir hatten noch genug Zeit, um uns für den ersten Hafentag Räder auszuleihen, mit denen wir am nächsten Tag die rund 50 km nach Skagen radeln wollten. Der Wind bzw. Sturm kam günstig für dieses Vorhaben.

Und der Weg nach Skagen hatte sich gelohnt. Sicher eines der Highlights der Woche. Zwar verlief der Radweg in weiten Teilen auf gut ausgebauten Fahrradwegen entlang der Straße, aber irgendwann bog er in die Dünen ab und verlief durch sandige Heidelandschaft vorbei an einer versandeten Kirche, bis wir schließlich die Räder abstellen mussten und die letzten Meter bis Grenen-Odde, dem nördlichsten Punkt Dänemarks, zu Fuß zurückzulegen. Überrascht war ich dann doch über die vielen Menschen, die wie wir das Skagerrak und Kattegat aneinander plätschern sehen wollten. Fast so voll wie ein paar Wochen zuvor am Preikestolen, aber nicht minder lohnend. Der Sturm machte es sicher noch ein wenig eindrucksvoller als an ruhigeren Tagen.

Skagerrak küsst Kattegat

Hatten wir auf dem Hinweg meistens Rückenwind, so wäre der Rückweg mit Gegenwind eine Qual geworden. Einen kleinen Vorgeschmack könnten wir auf dem ca. 3 Kilometer langen Rückweg von Grenen-Odde zum Bahnhof von Skagen bekommen. Fast stehengeblieben bin ich bei der einen oder anderen Böe, so dass ich froh war, dass wir uns auf dem Rückweg nach Frederikshavn der dänischen Eisenbahn bedienen konnten.

Mit dem Zug zurück

Ein wenig hatte ich noch gehofft, dass es eventuell am Mittwoch doch weitergehen konnte. Aber 6 Bft. in Böen 7 bis 8 mit möglichen Gewittern waren mir dann trotz der Leeküste ein wenig zu viel. So nahmen wir die Gelegenheit wahr, uns noch ein wenig in der Gegend um Frederikshavn herum umzuschauen. Und wir fanden wirklich ein paar nette Sachen. Zum einen gab es den Pikkerbaken. Eine Aussichtsplattform geformt wie Grenen-Odde mit einem tollen Blick auf den Ort und das Kattegat, ein wenig großspurig beworben mit dem Slogan „Skywalk in Frederikshavn“. Sogar Læsø konnte man in der Ferne erahnen. Von dort ging es weiter zu einer Bunkeranlage, die die deutsche Wehrmacht den Dänen hinterlassen hatte. Nach der Eroberung von Dänemark 1940 wurde diese Anlage gebaut. In Teilen dient sie heute immer noch dem dänischen Militär. Viel schöner als die Besichtigung von Bunkern und Luftabwehrgeschützen, war der anschließende Besuch des botanischen Gartens. Eine top gepflegte Anlage mit Pflanzen aus allen Teilen der Welt, die sogar mich als bekennenden Anti-Gärtner sehr beeindruckt hatte. So verbrachten wir auch den zweiten Sturmtag mit netten Aktivitäten und einem Fußmarsch von immerhin 10 Kilometern. Die notwendigen Kalorien dafür hatten wir uns im Møllehuset zwischendurch mit einem Quarkschnittchen samt Aprikoseneis zugeführt.

Aber so schön alle Landausflüge an wetterbedingten Hafentagen auch sind, so waren wir doch froh, dass es am Donnerstag weitergehen konnte. Unser Ziel war der kleine Ort Hou ca. 25 Seemeilen südlich von Frederikshavn und nicht weit vom Eingang in den Limfjord bei Hals entfernt. Da der Wind jedoch zumeist aus Süd-West wehte, mussten wir ein paar Kreuzschläge machen und so wurden aus den 25 Semmeilen schnell fast 35 Seemeilen, bis wir in den Hafen mit einer engen Hafeneinfahrt und einer recht geringen Wassertiefe (2,50 Meter) erreichten. Ein Hafen, den man bei Wind ab Bft 4 aus östlichen Quadranten besser nicht anlaufen sollte. Zu gefährlich sind dann die sich aufbäumenden Wellen in der sehr schmalen Hafeneinfahrt.

Nun stand auch die letzte Etappe für Simon an. Von Hou nach Aalborg in den Limfjord. Bevor es aber in den Fjord gehe sollte, wollten wir noch ein paar Manöver üben, die man bei den praktischen Prüfungen für den Segelschein SKS braucht, der bei Simon in absehbarer Zeit auf der Wunschliste steht. Wende, Halse und Boje über Bord. Die Bedingungen zum Üben waren gut. Bei mäßigem Wind und geringem Wellengang konnten wir die Manöver erfolgreich durchführen. Alle Bojen bzw. Fender, die wir über Bord warfen, konnten (mindestens im 2 Versuch 😉) wieder an Bord geholt werden. Als wir uns dann in der Ansteuerung in den Limfjord befanden, zog noch eine kräftige Schauerzelle mit Donnergroll auf. Die Sicht wurde durch den Sturzregen plötzlich so schlecht, dass ich zunächst wieder raus auf die Ostsee steuerte, um den Schauer dort abzuwarten, um erst bei besserer Sicht in den Limfjord einzulaufen. Aber dann packte uns der Ehrgeiz. Der Wind genau gegen an, aber wir wollten weitersegeln. So kreuzten wir mit ca. 30 Wenden weit in den Limfjord hinein, bis es zeitlich dann doch ein wenig eng wurde und wir für die letzten Meter den Diesel zu Hilfe nahmen. Schließlich mussten noch 2 Brücken passiert werden, bevor wir gegen 20 Uhr im Vestre Bådehavn von Aalborg festmachten. Zu spät zum Kochen, daher schlemmten wir zum Abschluss des Besuches von Simon in einer nahegelegenen Streetfood-Halle mexikanische und griechische Spezialitäten.

4:30 Wecker. Nicht wegen der Tide oder anderer seglerischen Herausforderungen. Nein, diesmal war es Simons Abflugzeit um 6:20 Uhr von Aalborg via Amsterdam nach München, die uns früh aus dem Bett geklingelt hatte. Simon musste los, ich konnte mich nochmal hinlegen… Es war eine schöne Segel-Woche mit Simon, der hoffentlich einiges für seine seglerischen Pläne mitnehmen konnte! Und die Hafentage haben wir auch sehr kurzweilig gestalten können und hatten sogar mit Skagen ein echtes Highlight 😊.

Nun bin ich die letzten drei Wochen meiner Reise wieder Solo-Segler. Weiter wird es durch den Limfjord gehen, wieder hinaus in die Nordsee und via Helgoland nach Norderney, wo ich dann in 2 Wochen meinen Enkel Taavi sehen werde. Das freue ich mich sehr drauf 😊.

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