Von Stavoren nach Scarborough

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Endlich geht es los. Alle Vorbereitungen sind soweit erledigt. Canata ist in einem für die Reise guten Zustand. Alles Systeme funktionieren, der Motor ist über den Winter gewartet worden, der Tank wurde gereinigt, neue Segel flattern am Mast und dem Vorstag und viele weitere Kleinigkeiten (u.a. auch der Einbau einer neue Heizung!) wurden erledigt.

Bevor es aber wirklich losgeht, verbringe ich das Himmelfahrtswochenende vor der Abfahrt noch gemeinsam mit Annette auf dem Boot. Am Donnerstag Anreise, Einpacken und am Freitag noch ein kleiner Törn nach Hindeloopen, einer unserer Lieblingsorte am Ijsselmeer. Dort machen wir noch einen schönen Spaziergang und gehen am Samstagmorgen noch auf eine Joggingrunde. Aber irgendwie scheint Annette zu erkennen, dass ich unruhig bin, immer wieder im Handy nach dem Wetter schaue, dass ab Montag einen Start nach England unmöglich macht. Dann fragt Sie, ob es denn besser passen würde, wenn ich schon am Sonntag weg käme. Das würde es sicherlich! Und wir beschließen am Samstag schon nach Stavoren zurück zu segeln, damit ich das Zeitfenster für den Trip nach Lowestoft ab Sonntag, 11 Uhr ab Stavoren wahrnehmen kann. Danke an die beste Ehefrau von Allen!!

Es ist auch die erste Segelreise, die ich als frisches Mitglied eines Segelvereins mache. Der Yacht-Club Wesel e.V. am Rhein. https://yachtclubwesel.org/

Über die Nordsee

Eigentlich sollte meine Nordseequerung nach England zu einem anderen Ziel führen. Ich wollte von Den Helder schon ein wenig weiter nach Norden kommen. Z.B. nach Scarborough oder Whitby. Das war mir bei der Wetterprognose allerdings ein wenig zu heikel. Für die letzten 10 Stunden der vermutlich 40stündigen Überfahrt wäre recht heftiger Wind mein Begleiter gewesen. Also musste ein anderer Plan her. Auch nicht die beste Lösung, aber der Schlag nach Lowestoft führte mich auf jeden Fall schonmal auf die Insel, bevor die Sturmfront über die Nordsee zieht. Wenn auch erst ein wenig nach Süden, aber wenn man dann einmal dort ist, ist die Reise nordwärts bei vorherrschenden westlichen Winden – meist auch unter Landschutz – gut zu machen. Und auch die Windrichtung war nicht optimal, zu Beginn genau aus Südwest (also von dort, wo ich hinwollte), später aber nordwestdrehend. So war ich darauf eingestellt, dass der Törn mit kontinuierlichem Am-Wind-Kurs (für die Nicht-Segler bedeutet das, dass man ständig Schräglage hat) nicht gemütlich wird, aber mit gelegentlicher Motorunterstützung (dänisch Kreuzen) machbar.

Also ging es nach der Verabschiedung von Annette los. Raus aufs Ijsselmeer (wo leider meine Brille auf Grund gegangen ist, habe aber Ersatz dabei), dort durch die letzte Schleuse ins Watt und zwischen Den Helder und der Insel Texel hinaus auf die Nordsee. Und es wurde der erwartete Törn. Immer hoch am Wind (jetzt wissen auch die Nicht-Segler, was das bedeutet 😉) von einem Wellenkamm durch das Tal auf den nächsten Wellenkamm und so weiter für ca. 30 Stunden…

Neben dem Schiffsverkehr, der mich auf dem 1. Drittel der Strecke bei der Querung die Hauptschifffahrstrouten vom englischen Kanal in den Norden nach Hamburg und die Ostsee gut beschäftigt hat, muss man auch immer nach den Windparks Ausschau schauen, die es zu umfahren gilt. Auch die, die noch in Bau sind. In einen im Bau befindlichen bin ich dann natürlich voll reingerauscht (East Anglia 3). Vom Guardvessel bin ich über Funk freundlich aber bestimmt darauf aufmerksam gemacht worden, ich sollte doch besser außen rumfahren. Ich wunderte mich auch schon, dass einige Tonnen auf See gar nicht in meiner Seekarte verzeichnete waren, die das Sperrgebiet kennzeichnen. Und ich habe diese nicht als solche erkannt. Nach Aktualisierung meiner Karte in Lowestoft ist das Gebiet dann jetzt auch auf meiner Seekarte. Auf jeden Fall hat mich die Aktion ca. 1 bis 2 Stunden gekostet… Aber die Besatzung des Guardvessels war sehr freundlich und sie haben mir auch den Weg um das Gebiet herum per Funk gewiesen. Peinlich, peinlich, peinlich…

Viel schöner und vor allem weniger peinlich, war die ca. halbstündige Begleitung einer aus fünf bis 6 Tieren bestehenden Schule von (mutmaßlichen) Weißschnauzendelphinen. Hinter dem Boot, vor dem Boot, neben dem Boot und nach einem Sprint wieder vor dem Boot und unter dem Boot tummelten sich die Tümmler sichtlich vergnügt in meinem Fahrwasser. Es ist schon echt schwierig vernünftige Fotos davon zu schießen. Vor allem mit dem Handy, lag meine Kamera noch sicher verstaut unten im Boot. Aber ein paar Schnappschüsse sind mir dann doch gelungen.

Total müde, schlafen konnte ich nicht wirklich, war ich dann gegen 16 Uhr nach 30 Stunden und 160 SM glücklich und zufrieden auf der Insel angekommen. Nach 11 Stunden Schlaf zog am nächsten Tag dann der angekündigte Starkwind durch und ich konnte den Tag nutzen, klar Schiff zu machen, einzukaufen und einen kleinen Ausflug mit meinem Klapprad zu den Hotspots (z.B. Ness Point, der östlichste Punkt von UK) von Lowestoft zu machen. Glücklicherweise nicht soooo viele, so dass ich mit dem kleinen Rad keine Riesentour machen musste.

Nun aber Richtung Norden

Nach den 11 Stunden Schlaf in der vorangegangenen Nacht, wurde die nächste Nacht dann wieder kürzer. Abfahrt nahe Hochwasser gegen 5:30. Vor der Brust: ca. 130 SM. Kalkulation: mind. 25 bis zu 30 Stunden, also wieder eine Nacht ohne bzw. wenig Schlaf. Ziel: Scarborough. Warum schon wieder eine so lange Strecke am Stück? Nördlich von Lowestoft liegt der Küstenabschnitt „The Wash“, der ein wenig Ähnlichkeit zu unserem Wattenmeer aufweist. Hier gibt es keine für Canata anlaufbare Häfen, da dafür der Tiefgang von 1,50 Meter zu viel ist. In den River Humber nach Grimsby, dem ersten möglichen Ziel nach „The Wash“ wollte ich nicht (wären auch nur 40 SM weniger gewesen). Also blieb nur Scarborough. Und da wollte ich auf jeden Fall hin. Allein schon, weil eines der ersten Lieder, die ich mal auf einer Gitarre gelernt habe „Scarborough Fair“ von Simon an Garfunkel war. Bei der Gelegenheit: Das ist kein von den beiden geschriebenes Lied, sondern ist ein altes traditionelles Volkslied, das die Handelsmesse von Scarborough besingt, die im 13. bis 17. Jahrhundert eine große Bedeutung für Händler in ganz England hatte. …parsley, sage, rosemary and thyme… Petersilie, Salbei, Rosmarin und Tymian…

Also ging es nach dem Kaffee und der Freigabe per Funk durch die Port-Control hinaus auf die Nordsee. Mit dem ablaufenden Wasser ging es dann mit ein paar anderen Seglern im Konvoi Richtung Norden. Schnell haben die sich aber am Horizont verloren… hinter mir 😊

Es wurde eine schnelle Reise und ich war schon nach 23 Stunden in Scarborough. Die Tide und der halbe Wind, also genau von der Seite, haben einen Schnitt von 6 Knoten (ca. 12 km/h) hervorgebracht.

Aber auch auf dieser Strecke musste ich schon wieder von den Nordsee-Ordnungs-Behörden zurechtgewiesen werden. Ich wollte wohl etwas zu nahe an einer Gasplattform vorbeisegeln, zu denen man einen Abstand von mind. 1 SM halten sollte. Aber kein großer Umweg diesmal, nur eine kleine Kurskorrektur.

Auf diesem Teilstück der Nordsee vor der ostenglischen Küste muss man als Segler einen wahren Slalom durch die Windparks machen, die teilweise schon eine Ausdehnung von mehreren Quadratkilometern haben und aus hunderten von Rädern bestehen und von Schiffen nicht durchfahren werden dürfen. Und man muss gut aufpassen, nicht in Fischerbojen zu rauschen, an denen am Grund „Lobsterpods“ hängen und auf manchen Passagen echt lästig sind. Wie man das allerdings nachts machen soll? Keine Ahnung, es ist ja gut gegangen… In diese Pods werden z.B. Heringsfetzen gelegt, um die begehrten Schalentiere anzulocken und lebendig einzufangen.

Nach der Ankunft um 4:30 noch ein kurzes Frühstück mit Bier und Käsebrot und für ein paar Stunden in die Koje. Auf meinem anschließenden Rundgang durch Scarborough habe ich vergeblich nach Spuren der „Scarborough Fair“ gesucht. Nur einen Markt habe ich gefunden, aber dort gibt es nicht mal mehr einen Fischhändler… Alles in allem ist Scarborough eine Urlaubsküstenstadt in der es ab Juli wohl recht „busy“ ist. Davon zeugen jedenfalls die vielen Spielhöllen, Fastfood-Shops und Souvenirläden an der Promenade…

Also geht es morgen weiter nach Whitby, der Stadt von James Cook…

20 Gedanken zu “Von Stavoren nach Scarborough

  1. Avatar von thingwarmd06ab35ada thingwarmd06ab35ada

    Hallo Rainer,

    trotz langer Törns siehst du recht entspannt aus. Die Nordsee scheint ja wirklich sehr verbaut zu sein, aber wir brauchen ja die Energie der Windräder.

    Du hast mit den Delphinen einen recht muntere Begleitung, die würde mir auch gefallen. Und bitte nicht den Segelrouten von Thomas Cook folgen! 😉

    Viele Grüße aus Oberschwaben

    Erwin

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  2. Avatar von klaus2013 klaus2013

    Moin Rainer,

    da bist Du ja gut losgekommen und hast die zwei längsten Sprünge erst hinüber und dann an der Ostküste entlang schon geschafft. Die Windräder sind ein Graus, das ist leider auch an der dän. Westküste und vielen anderen Orten nicht anders.

    Gute Weiterfahrt wünscht Dir Klaus

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    1. Hallo Klaus, ja, aber die Passage Shetland->Bergen kommt auch noch:-) danke für Deine Wünsche und Grüße aus Amble, Rainer

      PS: Aber wollen wir noch Kohlestrom? Oder Atom? Oder Gas? Dann doch gerne Windparkslalom;-)

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  3. Avatar von Kerstin Kerstin

    Hallo Rainer,

    Ich bin begeistert von Deinem 1.Reisebericht. Toll zu lesen, spannend, lustig ….wie ein gutes Buch. Ich freue mich auf die kommenden Berichte. Ich wünsche Dir ein ruhiges Fahrwasser (wünscht man so etwas als Nichtsegler?)

    Viele Grüße

    Kerstin

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  4. Avatar von Gerald Ihring Gerald Ihring

    Hallo Rainer
    Wie so oft verfolge ich gerne eine weitere Seereise von dir und erwarte
    mit Spannung wie es weitergeht.
    Weiterhin gute Fahrt liebe Grüße Gerald

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