Von schroffen Klippen zu sanften Hügeln

Von Fair Isle nach Lerwick (Shetland)

Das erste Zeitfenster für eine gute Wettervorhersage kam dann recht schnell. Schon am Tag nach meiner Ankunft in Lerwick ging es auf die Reise nach Osten in Richtung Norwegen.

Für Lerwick nur ein wenig, aber für die Shetlands blieb dann keine Zeit mehr erkundet zu werden. Ich fand das auch gar nicht schlimm. Nach nun insgesamt 3 Wochen schottischer Klippen, saftig grüner Weiden mit Schafen und Kühen sowie Seevögeln der verschiedensten Arten, stand mir auch zunehmend der Sinn nach was Neuem. Und natürlich wollte ich bei der Reiseplanung kein Risiko eingehen, dass Annette ankommt und ich nicht in Bergen bin. Dann lieber doch so, dass ich in Norwegen auf Annette warte und mal ein wenig Urlaub vom Segeln machen 😉. Denn ich muss schon sagen, es war bisher schon recht anstrengend, körperlich wie mental. Und die längste Etappe von 200 SM nonstop stand ja noch an.

Bei meiner Ankunft in Lerwick lag direkt vor der Stadt eines dieser Cruiser der größeren Art. Es war aber noch genug Platz, dass ich meinen Weg in den Hafen zum Victoria Pier finden konnte. Die Überfahrt von Fair Isle nach Lerwick war weitestgehend ereignislos. Ich hatte noch gehofft, in diesem Seegebiet regelmäßig zu sehende Orca zu Gesicht zu bekommen, dies wurde mir leider verwehrt. Dafür kam mir die Fair Isle-Fähre „Good Shepherd“ entgegen, in deren Schatten ich drei Nächte gelegen hatte, als wollte sie mir nochmal einen Gruß von der Insel senden. Und nicht zu vergessen: ich hatte den 60sten nördlichen Breitengrad überschritten.

Im Hafen von Lerwick lag tatsächlich mal ein anderes deutsches Schiff. Und sogar eines in der Segler-Szene nicht ganz unbekanntes Schiff, die „Wappen von Bremen“ der gleichnamigen Segelkameradschaft mit großer Tradition, die sich dem Seesegeln verschrieben hat. Ein fast 17 Meter langes Aluminiumboot der Extraklasse mit 10-Personen Besatzung. Das Schiff hat schon fast die ganze Welt gesehen, von ganz tief im Süden bis hoch in den hohen Norden. Und dann noch eine nette Besatzung, die mir mit dem Schlüssel zur Dusche ausgeholfen hatten. Und ich war auch etwas stolz, dass mir die Salzbuckel großen Respekt für meine Reise entgegenbrachten 😊.

Bevor ich den letzten Abend in Schottland ausklingen ließ, gab noch einen kleinen Rundgang durch Lerwick und ein letztes Mal Fish’n Chips. Allerdings diesmal vom Imbiss, war aber ganz ok. Und dann bin ich noch auf ein Pint in ein Pub geschlittert. Sogar mit traditionelle Livemusik und netter Unterhaltung mit meinen niederländischen Sitznachbarn, die solche Schottlandfans waren, dass sie für 10 Tage vor Ort jeweils 2 Tage An- und Abreise mit der Auto-Fähre über Aberdeen und Newcastle in Kauf genommen hatten. Echte Fans eben, die auch gerne mal ein Pint tranken und so war es an diesem Abend nicht nur bei einem geblieben. Aber irgendwann musste ich dann doch mal in die Koje, die nächste Nacht würde ja voraussichtlich recht wenig Schlaf bringen. Aber es war ein sehr netter Abschluss meiner Schottland-Etappen auf dieser Reise.

Auf zum Kontinent

Vor dem Ablegen gab es noch ein paar Vorbereitungen zu treffen. Eine Gasflasche war leer, die musste ausgetauscht werden, denn Campingaz ist in Norwegen gar nicht zu bekommen, also wollte ich hier die letzte Tausch-Gelegenheit nutzen. Auch wenn in Lerwick Campingaz mit Gold aufgewogen wird. 54 Pfund, gleich ca. 60 €. Bei uns mit ca. 30 € auch schon teuer, aber hier nochmal das doppelte. Der eine Tank wollte noch mit Diesel und der andere mit Wasser befüllt werden. Als das alles erledigt war, legte ich fast gemeinsam mit der „Wappen von Bremen“ ab, die allerdings ein Ziel weiter im Norden – im Songefjord – hatte. Also keine Regatta, bei der ich auch gnadenlos versägt worden wäre. Und war das eine Kreuzfahrtschiff am Vorabend noch abgefahren, lagen vor dem Hafen schon wieder Schiffe. Diesmal sogar zwei.

Zunächst ging es unter Motor entlang der Lerwick vorgelagerten Insel Bressay in südliche Richtung. Hier kam der Wind noch genau von vorne. Als ich dann meinen Kurs von fast genau 90° anlegen konnte, gingen die Segel hoch und der Motor aus. Das Wetter war noch bescheiden, glücklicherweise kein Dauerregen, aber am Nachmittag sollte die Sonne sich ihren Weg durch die Wolken bahnen und gem. Vorhersage auch bis zum nächsten Mittag blieben. Natürlich abzüglich der Zeit zwischen Sonnenuntergang und -aufgang. Mit halbem Wind der Stärke 3 bis 4 machte ich gute Fahrt in Richtung Norwegen. Mit der Zeit drehte der Wind immer weiter auf West, so dass ich den Wind und später die Welle genau von hinten hatte.

Am Nachmittag riss der Himmel tatsächlich auf und ich erlebte auf dieser Reise den ersten schönen Sonnenuntergang auf See. Da auf diese Etappe eigentlich gar nichts los war, keine Schiffe, keine Bohrinseln, noch nicht einmal Windparks, konnte ich einige Male ein Nickerchen von bis zu einer halben Stunde machen, so dass ich gut durch die Nacht gekommen war. Was man auf einer Breite von 60° Nord kurz nach der Sommersonnenwende, denn so Nacht nennt. Die Sonne geht hier zwar für ein paar Stunden unter, aber es wird nicht wirklich dunkel. Das sind dann schöne weiße Nächte, weil man immer einen hellen Streifen am Horizont sieht.

Eine Begegnung mit Fischerreifahrzeugen hätte ich dann doch fast verpennt. Da die Fischer auf meine Funkansprache nicht reagierten (die haben sich wahrscheinlich auch gedacht, was will der denn von uns…), musste ich meinen Kurs mal kurzzeitig anpassen, damit es nicht zu einer Kollision á la Boris Herrmann bei der Vendée Globe 2021 kurz vor dem Ziel in Sables d’Olonne kam.

Am Vormittag schlief der Wind dann ein wenig ein. Auch hier war die Wettervorhersage recht zuverlässig. Und wie ich schonmal an anderer Stelle schrieb, ist es dann schlecht zu segeln, da die Welle als Schwell weitermacht und das Schiff dann bei wenig Wind recht unstabil in den Wellen schaukelt. Recht unangenehm. Also für zwei oder drei Stunden den Motor an, dann sollte der Wind wieder zurückkommen. Ich drehte den Schlüssel herum, drückte den Startknopf, aber der Motor drehte nur einmal kurz, es gab einen Knall, der sich anhörte, als ob jemand eine aufgeblasene Brötchentüte durch einen Schlag zum Platzen bringt. Ich sah aus der Kabine dunklen Qualm nach außen dringen und war in null-komma-nix unten. Den Motorraum aufgemacht und da kam mir dann erstmal richtig schwarzen Qualm von nicht verbranntem Diesel entgegen, der sich erstmal verziehen musste, bevor ich mal schauen konnte, was denn da passiert war. Gebrannt hatte es nicht. Gott sei Dank. Das war meine größte Sorge. Ohne Motor kann ich immer noch segeln, aber mit einem brennenden Motor hat man ein ganz anderes Problem. Wenn es der Feuerlöscher dann nicht schafft, den Brand zu löschen, bleibt nur die Rettungsinsel und ein Mayday-Ruf. Aber es brannte glücklicherweise nichts. Bei einer ersten Sichtprüfung konnte ich auch nichts Auffälliges erkennen. Keine austretenden Flüssigkeiten wie Diesel, Öl oder Kühlflüssigkeit. Keine angeschmorten Kabel, alles sah aus wie immer. Also unternahm ich einen zweiten Startversuch und nach ein wenig orgeln, sprang der ansonsten immer zuverlässig arbeitende (und im Winter auch intensiv gewartete) Motor auch tatsächlich an. Puhhh… Nun traute ich mich nicht mehr, ihn wieder auszumachen. Ich hatte noch ca. 8 bis 10 Stunden vor der Brust, einen vollen Tank und daher entschied ich mich, den Motor einfach weiter laufen zu lassen. Am Anfang noch mit Schub solange der Wind noch zu wenig war, aber nach 2 Stunden lief er dann einfach nur im Leerlauf mit, während Canata bei auflebendem Wind auch ohne mitschiebenden Motor immer mehr als 6 Konten auf der Logge hatte. So erreichte ich dann gegen 20 Uhr einen sicheren Hafen im Korsfjord (Kleppevik), einem Einfallstor zwischen dem norwegischen Inselgewirr auf dem Weg nach Bergen, was noch ca. 20 Meilen weiter in dem Fjordgewirr liegt.

Geschafft! Glücklich, entnervt, müde und hungrig war ich dann doch sicher und in Norwegen angekommen. Zwar kein netter Empfang mit viel Wind und wolkenverhangenen Bergen, aber ich war angekommen! Nach ca. 200 Seemeilen und rund 34 Stunden Fahrzeit. Die letzten 2 Stunden drehte der Wind aber nochmal auf, da sah ich gelegentlich auch mal eine Stärke Bft. 6. Auch genau so, wie angesagt. Es war ein sehr präziser Wetterbericht, mit dem ich meine Reise geplant hatte. Prima! Nach in diesem Moment köstlicher Dosensuppe und Bier in selbiger Verpackung ging es in die Koje zum verdienten Schläfchen.

Was aber was das mit dem Motor? Er lief dann die ganze Zeit sauber weiter. Auch konnte ich ihn nach dem Ausmachen wieder ohne Probleme starten. Dem wollte ich auf den Grund gehen. Ich schrieb dann einen echten Kenner von Schiffsdieseln an (Danke, Robert: https://www.yachttechnikseminare.net/) und schilderte ihm den Vorfall. Nach ein paar Rückfragen kamen wir (also Robert 😊) zu folgendem Ergebnis: Da ich ca. 10 bis 15 Stunden mit 1,5 Meter Welle von hinten gesegelt war, schien sich Wasser durch den ebenfalls hinten liegenden Auspuff in den sog. Wassersammler Richtung Motor gedrückt zu haben. Beim Starten musste der Motor dann erst gegen diesen Widerstand arbeiten. Das war der Brötchentütenknall, der diesen Widerstand löste. Da aber nun die Auspuffgase nicht bestimmungsgemäß durch den Auspuff rauskonnten (der war ja mit Wasser verstopft), hatten sich diese in Form von unverbranntem Diesel als heftige Qualmwolke im Motorraum entwickelt. Das von mir hier recht laienhaft und auch sicher unpräzise beschriebene Phänomen nennt man einen Wasserschlag. Passiert das bei laufendem Motor, kann das einen Totalschaden des Motors bedeuten (z.B. wenn man mit einem Auto durch eine sehr tiefe Pfütze fährt). Gott sei Dank lag es nicht an mangelnder Wartung, die ich mir hätte vorwerfen können, sondern an unglücklichen Umständen und ggf. nicht optimaler, werftseitiger Konstruktion. Aber da wird im nächsten Winter eine Empfehlung von Robert umgesetzt, die die Wahrscheinlichkeit für einen solche Vorfall weiter minimiert. Und ich werde sicherheitshalber noch einen Ölwechsel durchführen, falls doch noch Seewasser in den Motor eingedrungen sein sollte. Ist unwahrscheinlich, aber sicher ist sicher und Öl und Filter habe ich dabei.

Erster Tag in Norwegen

Das Wetter hatte sich zu Schottland nicht geändert. Nur ein wenig wärmer war es geworden. Morgens in der Kabine nicht nur 12°, sondern unglaubliche 15°. Trotzdem machte ich kurz die Heizung an, um wenigstens auf die 20° zum Frühstück zu kommen. Der Hafen, wo ich angekommen war, reizte mich dann nicht, dort länger zu bleiben. Also machte ich mich bei schwachem Wind auf den Weg. Nur mit dem Vorsegel trieb ich den Fjord nordwärts. So langsam, dass ich mal wieder die Angel rausholte und mein Glück versuchte. Und keine drei Würfe, hatte ich wieder 2 Makrelen an der Angel. Die gingen aber wieder retour, ich hatte es doch auf Dorsch abgesehen. Aber auch der nächste Fang war wieder ein Makrelenpärchen. Das sollte mir wohl sagen, heute kein Dorsch, nimm die Marlen und sei zufrieden. Ok, die größere wanderte also nach dem Ausnehmen in den Kühleschrank für den nächsten Tag zum Abendessen, die kleinere konnte noch weiterwachsen.

Durch die Fjordlandschaft ging es vorbei an lieblichen, bewaldeten Hügeln, umsäumt von Felsen, die mit roten, gelben und weißen Holzhäuser an den Hängen bebaut waren. So anders als das, was ich in den letzten Wochen gesehen hatte. So, wie man sich das vorstellt. Vielleicht ein paar viele Häuser, aber ich war im Speckgürtel von Bergen, der ehemaligen Hauptstadt von Norwegen und mit ca. 300.000 Einwohnern auch die zweitgrößte Stadt des Landes. Und plötzlich war ich auf dem Wasser nicht mehr allein. Schiffe an allen Ecken. Fähren, Motorboote, Segler und Frachter. Hier konnte ich nicht mehr mal einfach für ein paar Minuten unter Deck verschwinden, um irgendwas zu machen. Zu gefährlich ist es, dass man eine Katamaranfähre übersieht, die mit einem Speed von sicher 25 Knoten hinter der nächsten Inselecke hervorgeprescht kommt. Und irgendwann, rein zufällig, sah ich dann auch auf meiner Logge, dass ich nun 1.000 SM (1.852 km) im Kielwasser habe.

Gelandet bin ich dann am Abend in einem kleinen Hafen ganz in der Nähe von Bergen, in Strusshamn. Hier werde ich wohl mal ein paar notwendige Hausarbeiten durchführen. Putzen, Wäsche waschen und was sonst noch anliegt. Jetzt habe ich Zeit, gelassen auf die Ankunft von Annette zu warten und ein paar Tage Urlaub vom Segeln zu machen 😉.

4 Gedanken zu “Von schroffen Klippen zu sanften Hügeln

  1. Avatar von Gerd Grütjen Gerd Grütjen

    Hi Rainer! Es war unterhaltsam und manchmal spannend deine Berichte zu lesen! Schön dass du in Norwegen angekommen bist! Grüß Anette und Norwegen von mir! Schöne Tage!

    Gerd

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Gerd Grütjen Antwort abbrechen