Vom Hardanger- in den Lysefjord und zum Preikestolen

Gletscher gucken

Leider blieb es nur beim ersten Kaffee, den wir draußen trinken konnten. Pünktlich als die Spiegeleier servierbereit waren, fing es an zu regnen. Die Eier schmeckten trotzdem und als wir mit dem Frühstück fertig waren, war der Regen auch schon vorbei und wir starteten unsere Etappe nach Jondal im Hardangerfjord mit einem Mix aus Sonnen und Wolken.

Leider aber ohne Wind, so dass wir die komplette Strecke unter Motor fahren mussten. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass seit meiner Ankunft in Norwegen der Wind seine Puste verloren hatte. Und außerdem ist es in den Fjorden durch die umgebenden Berge ohnehin windärmer. Also wenn man sich mit dem Segelboot in die Fjorde begibt, sollte man davon ausgehen, des Öfteren mal den Motor anwerfen zu müssen, will man nicht immer auf Wind warten, der dann garantiert aus der falschen Richtung kommt.

Das gesamte Fjordsystem des Hardanger, der zweitlängste Fjord Norwegens, hat eine Länge von rund 179 km und einer maximalen Tiefe von fast 900 Metern! Um sich den ganzen Fjord in einem Urlaub zu erschließen, bräuchte man allein mindestens 2 Wochen oder ein Speedboot, mit dem man schneller vorankommt als mit Canata. Also konnte es beim Hardanger-Besuch vermutlich nicht mehr werden als ein Anfüttern für eventuell nächste Urlaube in Norwegen. Jondal hatten wir uns ausgesucht, da es das Naturparkdorf des Folgefonna-Gletschers ist. Der drittgrößte Gletscher in Norwegen. Wir waren der Annahme, dass man von hier recht einfach für ein paar Stunden mit einem Bus o.ä. zum Gletscher gebracht werden konnten und auch wieder zurück. Eine große Gletscherwanderung wie sie dort angeboten wurden, fiel für mich aufgrund meiner Verletzung im Moment leider noch aus und Annette wollte die Tour auch nicht allein machen. Leider waren aber die Abfahrtzeit des Busses komplett auf die Gletscher-Touren und die Sommerskifahrer abgestimmt. Morgens um 10 hin, am Nachmittag um 16:30 zurück. Und so lange wollten wir dann nicht dortbleiben, da wir auch nicht wussten, was man dort auf eigene Faust unternehmen konnte. Die Tourist-Office-Angestellten waren da leider auch keine große Hilfe. Also Plan B. Der lautete, 40 Minuten mit dem Bus nach Odda am Ende des Sørfjords, einem Seitenarm des Hardangers. Von hier konnten wir dann eine Wanderung zu einer Gletscherzunge des Folgefonna-Gletschers, dem Buarbreen, starten. Allerding mussten wir uns zum Einstieg der Wanderung zunächst mal mit dem Taxi bringen lassen, ansonsten wäre es einfach zu weit gewesen. Außerdem konnte ich noch nicht sagen, wie weit ich eigentlich eine Wanderung mit meinem lädierten Knie machen konnte. Gemeinsam starteten Annette und ich dann den Weg zum Gletscher. Aber schon an der ersten etwas größeren Steigung musste ich trotz IBU kapitulieren und Annette macht sich allein auf den Weg. Ich wollte es dann aber doch wissen und setzte den Weg ebenfalls fort. Sehr langsam, aber Schritt für Schritt wurde es ein wenig besser. Zumal ich unterwegs einen Freund gefunden hatte, der mich prächtig unterstützte. Aber trotz dieser knorrigen Geh- bzw. Kletterhilfe war dann irgendwann Schluss. Zumal ich auch den Weg bergab noch bewältigen musste. Also machte ich an einer Stelle mit einer schönen Aussicht auf die Gletscherzunge Rast, aß das mitgebachte Brot und Obst und wartete auf Annette, die irgendwann diesen Weg wieder hinunterkommen musste. Ich hatte meine Picknick-Ration gerade aufgegessen, da hörte ich sie auch schon kommen, im Gespräch mit andern Wanderern. Da war ich doch schon einigermaßen überrascht, wie schnell sie denn oben und auch wieder zurück war. Die Aufklärung war, sie war gar nicht bis zum Gletscher gekommen. Irgendwann wurde der Weg zum Klettersteig bei dem nur das Anseilen fehlte. Dort wollte Annette, wie auch andere Wanderer, nicht weitergehen. Zumal der weitere Aufstieg noch mehr als eine Stunde gedauert hätte. Also machten wir uns gemütlich auf den Rückweg zum Wanderparkplatz. Eine Wanderbekanntschaft von Annette war dann so freundlich uns mit ihrem Camper wieder zurück nach Odda zu nehmen, so konnten wir das Taxigeld für den Rückweg sparen.

Es war trotzdem ein sehr schöner Tag und in Odda konnten wir wenigstens einen Blick in einen die spektakuläreren Teile des Hardanger, den Sørfjord, von Land aus werfen. Und ich konnte mal Testen, was mit meinem Knie schon geht, sollte doch noch der Aufstieg zum Preikestolen in den nächsten Tagen folgen.

Angekommen am Boot wollten wir die langen und hellen Abendstunden noch nutzen, ein paar Meilen zu eine Ankerbucht in der Nähe aufzubrechen. Zur Insel Sild (in einem Revierführer witzigerweise mit Sylt übersetzt). Endlich auch mal schöner Wind und wir segelten in den Abend hinein, der Insel Sild entgegen. In der recht kleinen Ankerbucht lagen schon drei Boote, so dass es doch recht eng wurde. Frei Ankern konnte ich nicht mehr. Beim Versuch dieses zu tun, kam ich einem Nachbarlieger bedrohlich nahe. So brachte ich neben dem Bug-Anker auch einen Heckanker aus. Das verhinderte, dass das Boot sich um den Anker herumdreht (im Seglerlatein „schwojen“), sondern in eine Richtung liegen bleibt und den anderen Ankerliegern nicht ins Gehege kommt. So verbachten wir eine ruhige nach auf Sylt 😊.

Nach Haugesund.

Unser Ziel für den Tag nach der Übernachtung auf Sild war Haugesund. Um nach Haugesund am Tor zu Nordsee zu kommen, mussten wir große Teile des Hardanger- und noch weitere Fjorde in unserem Kielwasser lassen. 52 Seemeilen standen auf dem Programm und leider wieder fast nur unter Motor, da der wenige Wind, der wehte, das auch noch auf die Nase tat. Aber auch eine Motorfahrt hat seine Reize. Da man in den Fjorden nie weit vom Land weg ist, hat man immer viel zu schauen. So konnten wir auf der Höhe von Rosendal das spektakuläre „Salmon Eye“ sehen (ein Museum, Restaurant und Forschungsstätte für die Entwicklung nachhaltiger Nahrungsmittel) und irgendwann überholte uns ein royales Fahrzeug, die „Norge“, die Yacht von Norwegens König Harald. Ob er auf dem Schiff zugegen war, konnten wir nicht erkennen.

Und es wurde am Ende auch noch richtig spannend. Zum einen konnten wir die Segel setzen, da der Wind nun günstiger für uns wehte und zweitens kam am Übergang in ein Stück offene Nordsee Seenebel auf. Schon aus der Ferne konnte man die aufziehenden Nebelbänke erkennen. Und auch hier, wie schon auf meiner Fahrt nach Fair Isle in Schottland war ich froh, Radar an Bord zu haben, welches mir ein wenig Durchblick im Nebel sicherte. So kamen wir gut durch den Nebel in einem plötzlich sonnigen Haugesund an. Am Abend und am nächsten Morgen machten wir noch einen kleiner Rundgang und erledigten noch Einkäufen im norwegischen Hollywood (Haugesund gilt als die Filmstadt Norwegens mit dem internationalen Filmfestival und der Verleihung des Filmpreis „Amanda“). Unter Seglern ist noch ein Schiff bzw. ein Segler au Haugesund recht bekannt. Ein Youtuber! Erik Aandernaa hat sich mit seiner „Tessie“ einen Namen in der Seglerszene mit Wintertörns zu den Shetlands, Faröer und auch bis nach Island gemacht. Frei nach seinem Motto, „No Bullshit, Just Sailing“. Heute aber lag „Tessie“ brav an ihrem Liegeplatz von einer alten Heringsfabrik.

Endlich mal: Wind und Sonne auf dem Weg nach Jørpeland und zum Preikestolen

Der Tag unserer Fahrt nach Jørpeland (unserem Startpunkt zum Preikestolen-Aufstieg) versprach dreifaches Glück. Wind aus der richtigen Richtung, Sonne von früh bis spät und Anglerglück. Nachdem wir aus dem Hafenkanal von Haugesund noch mit Motorunterstützung herausgefahren sind, gingen die Segel hoch und der Motor erst wieder an, als wir kurz vor der Hafeneinfahrt nach Jørpeland waren. Unterbrochen nur von einer Stunde treiben lassen und Angeln (ein Pollack bzw. auch Seelachs genannt und eine Flunder 😊), konnten wir die komplette Strecke segeln und gleichzeitig für den nächsten Abend das Essen sichern. Herrlich!

Jørpeland ist ein eher nüchterner Hafen und Ort und sollte uns auch nur dazu dienen, einen Shuttle-Bus zum Preikestolen-“Base-Camp“ zu nehmen. Den hatte ich schon ein paar Tage vorher gebucht, der Andrang auf den Preikestolen als eines der bekanntesten Natur-Sehenswürdigkeit Norwegens ist groß, wie wir dann auch auf unserer Tour feststellen konnten.

Um 8:35 pünktlich kam der Bus und 20 Minuten später waren wir am Einstiegspunkt der ca. 8,5 km mit 500 Höhenmetern langen Wanderung. Ein sehr gut ausgebauter Wanderweg. Man könnte sagen eine alpine Autobahn, die von nepalesischen Sherpas gebaut wurde. Dennoch eine anstrengende und auch sehr schöne Wanderung mit vielen großartigen Blicken, die man unterwegs erheischen konnte. Auch wenn es eine Völkerwanderung war (ich weis nicht, wie viele unterschiedliche Sprachen wir gehört haben), es lohnte sich allein für den Ausblick auf den Lysefjord und den Anblick der von der Natur geschaffenen Geometrie des Preikestolen, zu Deutsch „Predigstuhl“. Er erhebt sich 820 Meter über dem Lysefjord und die ganz mutigen setzen sich an den Rand des ca. 25 mal 25 Meter großen Plateaus und lassen die Beine hinunterbaumeln, auch wenn dieses auf Schildern untersagt wird. Nichts für Annette und mich. Ich konnte da gar nicht hinschauen ohne Herzrasen und Panikattacken zu bekommen. Aber trotzdem hat es auch mich zum Rand gezogen, nicht mit den Beinen über den Rand, aber die Füße bis zum Ende des Plateaus ausgesteckt. Alles ging dort oben aber sehr gesittet ab. Brav stellten sich diejenigen in eine Schlange an, um DAS Bild vom Besuch am Preikestolen zu machen, nur ein paar Zentimeter an der äußersten Ecke mit Blick in den Fjordabgrund. Wir hatten uns nicht angestellt… 😉.

Erstaunlich gut ging die Wanderung mit meinem Knie. Natürlich noch IBU-gedoped ging es zwar langsam und darauf bedacht, keinen falschen Schritt zu machen hinauf und auch wieder herunter. Zum Glück konnten wir uns Wanderstöcke am Besucherzentrum ausleihen, die mir doch sehr geholfen haben.

Da wir recht früh am Morgen gestartet waren, waren wir auch recht früh wieder am Boot zurück. Nun wollten wir uns den Preikestolen natürlich auch mal von unten ansehen und machten uns noch auf den Weg in den Lysefjord. Nicht sehr weit von Jørpeland entfernt, ca. 17 Seemeilen, ist im Lysefjord eine Anlegestelle unterhalb vom Preikestolen, die ich mir als Übernachtungsplatz ausgesucht hatte. Diese entpuppe sich aber als reine Anlegestelle zum Ein- und Aussteigen für Wanderer, die von dort den Aufstieg starten wollen. Außerdem rauschte direkt daneben mit großem Getöse ein Wasserfall in die Tiefe, der uns sicher eine unruhige Nacht beschert hätte. Also ging es in eine Ankerbucht fast gegenüber, in der wir eine ruhige Nacht in einer großartigen Kulisse verbrachten.

Am nächsten Morgen sind wir dann ein paar Meilen in den Fjord hineingefahren, um den Preikestolen nun auch von unten zu sehen. Eine markante Felsformation bei der man eigentlich glauben möchte, dass hat jemand absichtlich so gebaut und kann eigentlich gar nicht von der Natur geschaffen sein. Aber der Blick von oben nach unten ist dann doch spektakulärer als von unten nach oben. Und auch deutlich weniger nervenaufreibend. Insgesamt aber ein tolles Erlebnis und genau so, wie man sich eine Fahrt in einen engen Fjord vorstellt. Hunderte Meter steil hinaufragende Felsen mit gelegentlichen Schluchten und Wasserfällen. Und der Tiefenmesser des Bootes zeigt nur wenige Meter von den Felsen entfernt noch Tiefen im dreistelligen Bereich an. Einfach nur faszinierend!

2 Gedanken zu “Vom Hardanger- in den Lysefjord und zum Preikestolen

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