Norderney und die letzten Etappen nach Hause

Da ich Norderney nun schon von einigen vorherigen Besuchen kannte, stand mir der Sinn nicht nach ausgedehntem Sightseeing. Ich wollte einfach die Seele ein wenig baumeln lassen und mir ein paar Tage keine Gedanken über Wind, Welle und Gezeit machen. Ein wenig radeln, Mittagsschläfchen, Essen kochen und chillen, das war mein Plan bis zur Ankunft der kleinen Familie mit meinem Enkel Taavi. Und die war am Samstag pünktlich mit der Fähre um 14:00 Uhr. Bevor die drei weiter zum Campingplatz zogen, gab es noch Kuchen und für den kleinen Seemann ein Nickerchen in Opas Koje. Was für ein süßer Kerl, der sich in den letzten Monaten unglaublich entwickelt hatte. Als ich ihn Ende Mai das letzte Mal sah, war er noch ein Neugeborenes. Jetzt, 3 Monate weiter, schon richtig wach und aufmerksam mit den Augen und mit einer herzlichen Lache und einem entzückenden Blick, wenn er gerade mal nicht schrie 😉. Am Abend bin ich dann noch zum Campingplatz ein Stück hinter dem Leuchtturm geradelt und wir haben etwas gekocht und zusammen gegessen. Für den nächsten Tag hatten wir uns eine kleine Wanderung vom Campingplatz aus über die Weiße Düne zur Stadt vorgenommen. Das haben wir dann auch so gemacht. Im Ort gab es dann noch ein Fischbrötchen und dann mussten sich leider unsere Wege trennen… Schon auf unserem Spaziergang bemerkte ich den Anflug eines Infektes. Kratzen im Hals, Niesen und Fiebergefühl. Ob nun Covid oder Grippe, egal. Hier waren nun die Familientage auf Norderney recht schnell wieder zu Ende, wollte ich nicht die drei mit meinen Viren in Mitleidenschaft ziehen. Traurig, traurig. Also zurück zum Boot, Fieber messen (nicht sehr hoch, aber doch 38+) und ab in die Koje.

Neben dem traurigen Umstand, dass das Treffen nun ein wenig schnell wieder zu Ende war, musste ich ja auch noch daran denken, dass ich noch ein paar Seemeilen vor der Brust hatte. So war Ausruhen im Turbomodus angesagt. Mehr als einen zusätzlichen Tag in der Koje konnte ich mir nicht gönnen, wollte ich einen günstigen Tag mit SüdSüdOst Wind (perfekt für die Weiterreiche nach Holland) nicht vorüberziehen lassen. Allerdings wäre es mit dem Infekt in den Knochen auch ein wenig zu viel gewesen, von Norderney bis nach Vlieland durchzusegeln. Immerhin 90 Seemeilen und daher mit einem kleinen Nachtanteil. So war mein Plan dann, abklingender Infekt vorausgesetzt, von Norderney nur bis nach Lauwersoog zu gehen und dort in die Stande Mast-Route einzusteigen und statt über die Nordsee über Kanäle weiter Richtung Ijsselmeer zu schippern.

Und so kam es dann auch. Am Dienstag ging es dann mit nur noch leichter Temperatur um 12 Uhr mittags auf den ca. 55-Seemeilen-Törn Richtung Lauwersoog, Niederlande. 10 bis 12 Stunden sollte die Reise voraussichtlich dauern und Winde aus SSO in der Stärke 3 bis 4 für mich parat haben sowie Lufttemperaturen von rund 22 bis 25 Grad. Also perfekte Bedingungen insbesondere in meiner angeschlagenen Situation. Und es wurde auch ein wirklich schöner Törn. Bei der Ausfahrt von Norderney hatte mich Franzi noch von der Milchbar aus entdeckt und eine Abschiedsfoto geschossen, wie ich (wg. starker Gegenströmung noch unter Motor) bei idealen Bedingungen ca. 2 Stunden vor Hochwasser aus dem Seegatt Schluchter auf die Nordsee raus bin. Kurz darauf gingen dann auch die Segel hoch und die blieben es auch bis zum Westgatt, welches zwischen Ameland und Schiermonnikoog nach Lauwersoog führt. Das Westgatt erreichte ich pünktlich zum Einsetzen der Flut und so konnte ich dann die letzten 10 Meilen bis zum Hafen den Schiebestrom nutzen und in die Abenddämmerung hineinsegeln.

Es war eine schnelle, schöne, entspannte, wellenarme und in allen Belangen meiner Situation angepasste Etappe und ich war sehr froh, die Gelegenheit zur Weiterreise an diesem Tag genutzt zu haben. Einen Tag später hätte ich den (dann auch stärkeren) Wind auf der Nase gehabt und es wäre vermutlich wesentlich anstrengender für mich geworden. Nach fast 10 Stunden machte ich dann also gegen 22 Uhr direkt am Wartesteiger der Robbengatschleuse für die Nacht fest. Am nächsten Morgen sollte es gleich durch die Schleuse zu meinem nächsten Etappenziel Leeuwarden weiter gehen, durch das Lauwersmeer, vorbei an Dokkum mit seinen Mühlen direkt am Kanal und quer durch die schöne Landschaft Westfrieslands. Ich war dann aber auch froh, als ich gegen 15:30 in Leeuwarden ankam. Allein Kanalfahren ist schon anstrengend. Man kann das Ruder nicht wirklich lange aus den Augen lassen, da der Kanal alle paar hundert Meter seine Richtung ändert und der Autopilot dabei nicht helfen kann. Mal eben zur Toilette gehen, etwas zu Essen machen oder einen Kaffee kochen kann man in Ruhe eigentlich nur dann, wenn man einen kleinen Stopp macht. Außerdem war die letzte Nacht recht unruhig. Noch um 4 Uhr legte an meinem Boot ein Segler an, der aus Cuxhaven ankam. Das ging natürlich nicht ohne Gerumpel ab, von dem ich wach wurde und danach auch nicht mehr richtig in den Schlaf finden konnte.

Angekommen in Leeuwarden habe ich dann erstmal ein kleines Nickerchen gemacht, um ein wenig Schlaf der letzten Nacht nachzuholen. Aus Einkaufen, Kochen, Essen, Schlafen bestand dann mein Restprogramm des Tages. Die Nacht in Leeuwarden war dann sehr ruhig und ich konnte mich und die Reste meines Infektes durch einen langen Schlaf weiter auskurieren. Gleich zur Brückenöffnung um 9:00 Uhr ging es auch weiter in Richtung Harlingen. Dort wollte ich nochmal ins Watt, um dann in Kornwerderzand ins Ijsselmeer zu schleusen und in Makkum auf Annettes Ankunft am Freitagmittag zu warten. In der Zeit bis dahin fing ich dann schon mal an, meine Sachen im Schiff zu sortieren. Was bleibt an Bord, was kommt mit nach Hause etc. Nach drei Monaten hatte ich es mir natürlich an Bord eingerichtet. Auch das Deck konnte mal eine Wäsche vertragen. So verging die Zeit schnell und am Freitag gegen 12:30 kam Annette dann in Makkum an. Das Auto hatte sie in unserem Zielhafen in Woudsend geparkt und wurde von unserem Segelfreund Uli (vielen lieben Dank! Und wenn ihr mal eine Pinne braucht: https://pinnenparadies.org/) mit dem Auto nach Makkum gebracht. So verbachten wir noch ein schönes gemeinsames Wochenende in Friesland bevor ich meine Reise mit dem Kreuzen meines Kielwassers vom 29.6. nach 90 Tagen „offiziell“ beendet hatte (ein kleines Resümee folgt noch). Und kurz vor meinem Winterhafen kam uns auf dem Heeger Meer noch Konstantin als Empfangskomitee mit einer Jolle entgegengesegelt :-). Er machte dort mit Freunden ein Segelwochenende.

Nun ist die Nordsee gerundet 😊. Ok, genau genommen fehlen ein paar Ecken, die ich geschnibbelt habe, aber so genau wollen wir es mal nicht nehmen. Und ein paar weitere Ziele brauche ich ja auch noch… Canata liegt jedenfalls in den Startlöchern 🙂

8 Gedanken zu “Norderney und die letzten Etappen nach Hause

  1. Avatar von wolfganglubert wolfganglubert

    Lieber Rainer,

    ich habe Deine wirklich toll und spannend geschriebenen Reiseberichte allesamt mit größtem Interesse und Vergnügen gelesen. Chapeau, was Du da als Segler, aber auch als Schriftsteller zuwege gebracht hast! Und vor allem wird Dir immer die Erinnerung an diese einmalige Reise bleiben. Toll, dass Du Dir diesen Traum erfüllt hast. Bin nun schon gespannt, auf welchem Törn ich Dich als Leser beim nächsten Mal begleiten darf – ich freu mich jedenfalls schon heute drauf!

    Nun aber erst einmal ein paar schöne und fröhliche Tage zusammen mit der ganzen Familie in Reit im Winkl sowie am 15.ten dann eine großartige Feier!

    Herzlichst,

    Wolfgang (und natürlich Birgit 😉)

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